Die Landwirtschaft des Kreises Coesfeld


von Dr. Reinhard Mantau

 

Vor ca. 10 Jahren habe ich im "Kiebitz" über das o.g. Thema zum ersten Mal berichtet. Was ist seitdem geschehen, welcher Strukturwandel hat sich vollzogen?

 

Die Überschusssituation wurde durch die offizielle Agrarpolitik geregelt. Schon 1984 existierte die Milchmarktordnung mit der Kontingentierung (Festschreibung) der Milchmenge. Seit 1993 wirkt nun die Agrarreform über Flächen- und Tierprämien auf die Landwirtschaft ein. Seit einigen Jahren wird unter dem Stichwort Agenda 2000 mehr und mehr gezielt der Umweltaspekt in allen Förderungen für die Landwirtschaft eingebaut. Bei weiter sinkenden Preisen für die Produkte der Landwirtschaft in Richtung Weltmarktpreisniveau, werden gleichzeitig direkte Einkommensbeihilfen gezahlt, die tendenziell mehr und mehr an Umweltstandards gebunden werden. Direkte umweltbezogene Förderungen sind noch relativ neu, dürften in absehbarer Zeit zunehmend angewandt werden. Dazu gehören die - Förderung der umweltfreundlichen Produktion, - Geld für Erosionsschutz, - Ausgleichszulage für benachteiligte Gebiete, - Extensivierungsprogramm, und auch der - Naturschutz mit Vertrag. Der nun folgende Bericht soll über die Gegebenheiten der Landwirtschaft des Kreises Coesfeld informieren. Der Kreis Coesfeld verfügt laut amtlicher Statistik über 110.980 ha (1997) Katasterfläche.

 

Die wenigen Zahlen zeigen einerseits, welche Flächenbedeutung die Land- und Forstwirtschaft im Kreis Coesfeld nach wie vor hat, sie zeigen aber auch zu welchen Lasten/Gunsten die Veränderungen gehen. Während die land- und forstwirtschaftlichen Flächen um 2,4 % (2.658 ha) abgenommen haben, konnten die bebauten Flächen wie Gebäude- und Freiflächen, Betriebsflächen und Verkehrsflächen um 1,8 % (1.956 ha) zulegen. Zugenommen haben auch die Wasserflächen, die Erholungsflächen und die Flächen anderer Nutzung 0,6 % (702 ha). Insofern spiegelt sich in den Zahlen der Kampf um die Flächennutzung zwischen Land- und Forstwirtschaft und übriger Gesellschaft wider.

 

Indem die Landwirte und die Vertretungen ihre Interessen im Rahmen der Gesetze wahrnehmen, dienen sie auch zum Erhalt der Umwelt, zumindest wird der Gesellschaft klar, dass ein allzu leichtfertiger Umgang mit der Fläche nicht gewünscht ist und in Bedarfsfällen seinen Preis hat.

 

Die räumliche Verflechtung der Landwirtschaft mit anderen raumbedeutsamen Funktionen, wie die Sicherung der Wasserversorgung sowie dem Natur- und Landschaftsschutz ist längst erkannt. Sie findet ihren Niederschlag in der Kooperation Landwirtschaft und Wasserwirtschaft im Einzugsgebiet der Stevertalsperre (seit 1989) und in der Kooperationsvereinbarung Landwirtschaft und Umweltschutz (seit 1999) mit dem Kreis Coesfeld.

 

Betriebssituation: Der ländlich strukturierte Kreis besteht aus 11 Gemeinden mit rund (1989 = 178.970) 208.097 Einwohnern (1997). Von den 75.997 Erwerbstätigen (1997) sind noch 4.242 Personen (6,2 %) in der Landwirtschaft tätig. Vor ca. 10 Jahren waren dies noch über 12 % der Erwerbstätigen. Allein durch diese Verschiebung wird deutlich, welcher Strukturwandel sich vollzogen hat. Dahinter verbirgt sich eine große Verschiebung im betrieblichen Strukturwandel.

 

Den statistischen Zahlen entnehmbar ist die Tatsache, dass die Zahl der Betriebe insgesamt von 1977 bis 1995 um 30 % abgenommen hat. Abgenommen haben die Betriebe, die kleiner als 5 ha sind, um ca. 40 %. Die Nebenerwerbsbetriebe sind über Zuwanderung - aus größeren Betrieben, die in den Nebenerwerb gegangen sind - in ihrer absoluten Zahl annähernd gleich geblieben. Die Haupterwerbsbetriebe haben sich um 30 % reduziert und die Betriebe größer als 5 ha haben sich um 25 % verkleinert, jeweils bezogen auf den Zeitraum 1977 bis 1995. Dieser große Strukturwandel ist nicht ohne Folgen auf die Eigentumsstruktur der Betriebe geblieben.

 

Der Anteil der Pachtfläche an der genutzten landwirtschaftlichen Fläche ist auf 31 % gestiegen. Im Durchschnitt aller Betriebe über 5 ha beträgt die pro Betrieb zugepachtete Fläche ca. 9,6 ha (1995). Diese Aussage ist allerdings wenig aufschlussreich, da es im Kreis noch eine erhebliche Anzahl von Vollpachtbetrieben gibt und die Zupachtflächen sich auf ca. 70 % der Betriebe aufteilen.

 

Die Produktionsstruktur der Landwirtschaft:

.....im Kreis Coesfeld ist ebenfalls einer Änderung im Zeitablauf 1977 bis 1995 unterworfen gewesen. Dabei ist hervorzuheben, dass sich der Anteil des Ackerlandes von 69 % auf 83 % erhöht und der Anteil des Grünlandes von 31 % auf 16 % verändert hat. Sie gehen weitgehend auf die Verschiebung der relativen Vorzüglichkeit zueinander zurück. Dabei hat der Maisanbau zu Lasten des Getreidebaus zugenommen. Neuerdings ist wieder ein Rückgang im Maisanbau zu erkennen.

 

Dies alles ist natürlich von raumbedeutsamer Wirkung. Dennoch, die Verschiebungen halten sich im Ackerbau in Grenzen, zumal die erforderlichen Fruchtfolgen hier eine natürliche Bremswirkung darstellen.

Zu erwähnen ist auch, dass in den letzten zehn Jahren der Zwischenfruchtanbau von Senf, Raps, Rübsen, Phacelia und anderen geeigneten Pflanzen sehr stark zugenommen hat. Dies wirkt sich positiv auf die Gesunderhaltung der Böden aus und trägt zur Erhaltung der Nährstoffe in den oberen Bodenschichten bei:

Die Landwirtschaftskammer hat hierzu geraten unter dem Stichwort: "System Immergrün!"

 

Zur Produktionsstruktur der Landwirtschaft im Kreis Coesfeld gehört im besonderem Maße die tierische Produktion, denn mit der Veredlung der Feldfrüchte über die Haustiere verdient der hiesige Landwirt sein Einkommen. Dabei sind den Landwirten gemäß einem festgelegten Verrechnungsschlüssel, der Dungeinheiten (DE) genannt wird, ganz bestimmte Grenzen auferlegt. Dieser Dungeinheitenschlüssel findet seinen Niederschlag in einem sogenannten Tierbeurteilungsbogen. Dieser wiederum ist im Zusammenhang mit der Gülleverordnung entwickelt worden. Der Tierbeurteilungsbogen gilt heute für ganz NRW und ist beispielgebend für ganz Deutschland. Wir, die Berater der Landwirtschaftskammer Coesfeld, und die hiesigen Landwirte haben diesen Tierbeurteilungsbogen entwickelt. Auf diese umweltfreundliche Leistung, die den Tierbestand an die Fläche bindet, sind wir stolz.

 

Wenn sich auch in den einzelnen Tierkategorien die Zahlen verschoben haben, was der Leser für sich nachvollziehen möchte, war es nicht möglich, den Tierbestand insgesamt zu verändern. Gemessen in Dungeinheiten (DE) ist der Tierbestand von 1986 (1,94 DE) bis 1996 (1,80 DE) als stabil zu bezeichnen.

Eine Diskussion über mehr landwirtschaftliche Nutztiere im Kreis Coesfeld ist schlicht unsachlich und sollte aus den Köpfen verschwinden.

 

Kritische Würdigung:

Auch in Zukunft wird sich der strukturelle Wandel in der Landwirtschaft fort-setzen. Falls keine Änderung der Gesamtwirtschaftslage eintritt, wird sich der künftige Strukturwandel - so ist anzunehmen - weitgehend über den Generationswechsel vollziehen. Dabei werden es weit weniger Entscheidungen sein, die eine Aufgabe der Betriebe zur Folge haben als vielmehr einen Wechsel im Erwerbscharakter. So kommt der Berufsausbildung und der Berufsentscheidung der jüngeren Generation für die weitere Entwicklung der Betriebe eine Schlüsselfunktion zu. In diesem Zusammenhang werden die Betriebsformen Zuerwerbs- und Nebenerwerbslandwirtschaft besondere Beachtung finden.

 

Darüber hinaus soll und darf nicht vergessen werden, dass im Kreis Coesfeld ca. 1.500 Betriebe im Haupterwerb geführt werden. Die hohe Spezialisierung der Betriebe, sowohl im Ackerbau als auch in der Tierhaltung, hat wesentlich dazu beigetragen, die Existenz der Betriebe auch im Vollerwerb zu sichern und den Sektor Landwirtschaft im Kreis Coesfeld zu einem seiner tragenden Wirtschaftsbereiche zu entwickeln. Der Umsatz der Landwirtschaft im Kreis Coesfeld beläuft sich auf 1,3 Mrd. DM.

 

Die sich überlagernden Funktionen des Raumes, wie Sicherung der Wasserversorgung, Freizeit und Erholung und Landwirtschaft, haben in jüngster Zeit zu erheblichen Anpassungsproblemen in der Landwirtschaft geführt, die schon heute die Grenzen des ökonomisch Tragbaren erreichen. Wenn wir die Funktionsvielfalt des Kreises erhalten wollen, müssen wir zu einem gut ausgewogenen Zusammenspiel aller raumbedeutsamen Funktionen finden. Nur so ist die Lebenstüchtigkeit und eine gesunde Umwelt eines Raumes zu erhalten. In diesem Zusammenhang ist die Landwirtschaft des Kreises Coesfeld in jüngster Zeit in arge Bedrängnis geraten. Abhilfe ist unbedingt erforderlich, wenn man nicht will, dass bestimmte landwirtschaftliche Produktionen in andere Räume abwandern.

 

Veränderte Strukturen außerhalb und innerhalb der Landwirtschaft haben manche althergebrachte Relationen verschoben. Mögliche internationale Änderungen in der Wirtschafts- und Währungspolitik, eine angespannte, ständig anhaltende Welternährungslage und andererseits steigende Überschüsse, Einflüsse und planerische Entscheidungen aus Brüssel und nicht zuletzt technische, organisatorische und biologische Fortschritte halten den Strukturwandel zusätzlich im Fluss. Auch die Landwirtschaft eines Kreises und ihre Betriebe bleiben von all diesen unvorhersehbaren Ereignissen nicht verschont.

 

 

Dr. Reinhard Mantau Ltd. Landw. Dir. der Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe im Kreis Coesfeld 

24.03.2001