ERÖFFNUNGSREDE ZUR FESTVERANSTALTUNG - GEHALTEN AM 26.10.2001


von Elmar Meier

 

Guten Abend, meine Damen und Herren,

ich möchte Sie ganz herzlich zu unserer heutigen Jubiläumsveranstaltung anlässlich unseres 20jährigen Bestehens begrüßen.

 

Wir freuen uns sehr, dass viele Personen aus dem öffentlichen Leben unserer Einladung heute Abend gefolgt sind. Fast alle Städte und Gemeinden des Kreises sind mit ihren Bürgermeistern oder ihren Stellvertretern vertreten.

 

Fraktionsvorsitzende aus dem gesamten demokratischen Parteienspektrum des Kreises, Repräsentanten der Wasser- und Bodenverbände, der Ämter und Behörden, der Landwirtschaft, der Kreisjägerschaft, der Heimatvereine sowie des haupt- und ehrenamtlichen Naturschutzes auch aus den Nachbar-kreisen und vom BUND haben sich heute hier eingefunden, um mit uns zu feiern.

 

Seien Sie mir bitte nicht böse, wenn ich Sie nicht alle namentlich mit ihren jeweiligen Funktionen erwähne. Sie sind - Gott sei Dank - so zahlreich er-schienen, dass dieses den Rahmen doch sprengen würde.

 

Besonders begrüßen möchte ich jedoch unseren Festredner, Herrn Prof. Dr. Schulte aus Lüdinghausen, unseren Bundestagsabgeordneten der CDU Werner Lensing aus Coesfeld, den Stellvertretenden Landrat und Vorsitzenden der Naturfördergesellschaft Herrn Ludger Streyl aus Rorup und, weil wir hier in Coesfeld feiern, last but not least die stellvertretende Bürgermeisterin von Coesfeld, Frau Brigitte Exner.

 

Diese rege Teilnahme zeigt, dass unsere Arbeit mittlerweile auf breiter Ebene wahrgenommen und wohl auch mehrheitlich geschätzt wird. Maßgeblichen Erfolg daran haben die beiden Gründerväter unseres Vereins, Walter Vest und Winfried Rusch, die am 9. Sept. 1981 zur Gründungsversammlung einluden. Rund ein Dutzend Personen trafen sich damals in der Gaststätte Walter am Münstertor hier in Coesfeld.

Triebfeder und Motivation für die Gründung eines kreisweiten Naturschutzvereins - damals noch unter dem Dach des Deutschen Bundes für Vogelschutz (DBV) war der fortschreitende Artenschwund in der freien Landschaft und die persönliche Betroffenheit darüber. Nur organisiert konnte man wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen. Nach der Wende wurde aus dem DBV der Naturschutzbund NABU. Dieser Namenswechsel war überfällig, da die Mitglieder dieses Vereins sowohl bundes- als auch kreisweit längst einen sehr vielschichtigen Natur- und Artenschutz betrieben.

 

Jubiläen sind immer ein Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen. Was hat unser Verein in den letzten 20 Jahren erreicht und was vielleicht auch nicht? Deutlich wird das an den Projekt- und Arbeitsgruppen, die sich innerhalb unseres Kreisverbandes gebildet haben. Darum möchte ich Ihnen kurz fünf Projekte vorstellen. Das älteste Projekt, das es ansatzweise schon vor der Vereinsgründung gab, beschäftigt sich bis heute mit dem Feuchtwiesen- und Limikolenschutz . Walter Vest und seine Mitstreiter leisteten hier wahrlich Basisarbeit für das spätere Feuchtwiesenschutzkonzept des Landes NRW. Ein bevorzugtes Beobachtungs- und Arbeitsfeld waren nämlich die Heubach-wiesen, die 1982 sichergestellt und durch Verordnung 1986 den Status eines Naturschutzgebietes erhielten. Nicht zuletzt durch den Einsatz dieser Arbeitsgruppe entwickelte sich daraus ein Pilotprojekt auch für andere Feuchtwiesenkomplexe.

 

Dieser Erfolg ruhte auf drei Säulen: - einmal auf der fachlichen Arbeit z.B. durch sorgfältiges Ermitteln von Daten, durch Bestandserhebungen und deren Auswertung, Feststellen von Bestandsschwankungen incl. der Ursachenforschung - zum zweiten ergab sich als Konsequenz daraus praktische Naturschutzarbeit vor Ort, um Lebensräume wieder zu optimieren: z.B. Anlegen von Blänken und deren Pflege, Gelegeschutz, Kopfweidenschutz etc. - und drittens auf der Öffentlichkeitsarbeit: Exkursionen, Vorträge, Veröffentlichungen sollten und sollen die Bevölkerung aufklären über spezielle Natur- und Artenschutzprobleme und so für unsere Belange sensibilisieren.

 

In dieser Tradition steht auch unser Vereinsorgan der "Kiebitz". Er ist mittlerweile in über 50 Ausgaben erschienen. Für sie alle liegt eine Jubiläumsausgabe am Eingang.

 

Zum Feuchtwiesenschutz möchte ich abschließend noch sagen, dass dieser heute bei manchen Verbandsfunktionären der Landwirtschaft zu Unrecht in der Kritik steht. Zwar machen uns die Arten Kiebitz, Uferschnepfe und Bekassine Sorgen, ihre Bestände sind aber überregional rückläufig, insbe-sondere außerhalb der Naturschutzgebiete. Daraus zu schließen, das Feuchtwiesenprogramm wäre gescheitert, ist falsch. Andere Wiesenvogel-arten, wie der Brachvogel, halten nur in diesen Schutzgebieten ihre Bestände, weitere extrem seltene Arten wie Knäk-, Krick- und Löffelente sind hinzugekommen. Tiergruppen, wie die Amphibien oder Insekten - hier wiederum besonders die Schmetterlinge und die Libellen - profitieren von solchen großflächigen Schutzgebieten. Die Heubachschiene ist zu einem Biotopverbundsystem von überregionaler Bedeutung entwickelt worden.

Der Arbeitskreis Eulen beschäftigt sich ebenfalls seit Beginn der Vereinsarbeit sehr erfolgreich mit dem Schutz des Steinkauzes, der Schleiereule und jetzt auch des Uhus. Das können sie an folgenden Zahlen ablesen: 1981 gab es im Kreis Coesfeld nur einige wenige Brutpaare des Steinkauzes, im Jahr 2000 aber schon mehr als 150! Durch konsequente Bestandserfassungen des Steinkauzes und dem Ausbringen geeigneter Brutröhren in Obstwiesen können wir heute allein auf dem Gebiet des MTB 4009 - das ist Coesfeld - von mehr als 100 Brutpaaren ausgehen. Das ist eine der höchsten Bestands-dichten bundesweit! Ein von Winfried Rusch entworfener und bereits überall in Deutschland eingesetzter Brutkasten wird mit Erfolg angenommen. Jedes Jahr werden in Verbindung mit der Vogelwarte Helgoland über 300 Steinkäuze beringt. Alle erfassten Daten fließen in ein europäisches Monitoring für Greifvögel und Eulen der Uni Halle an der Saale ein. Über 300 Steinkauzkästen werden jedes Jahr von Ende Mai bis Mitte Juni kontrolliert.

 

Der Arbeitskreis "Eulen" weist darauf hin, dass das Aufstellen von Nisthilfen nur eine kleine Hilfe ist. Wichtig sind der Schutz und die Erhaltung von alten Obstbäumen und natürlich die Anlage von neuen Obstwiesen, dem Lebens-raum des Steinkauzes.

 

Eine Obstwiese auf dem Coesfelder Berg betreuen wir selber. Besonders bemerkenswert ist, dass sich der Uhu nach fast hundertjähriger Abwesenheit selbständig im Kreisgebiet wieder angesiedelt und schon mehrfach erfolgreich gebrütet hat!

 

Die Botanik-AG kartiert ebenfalls fleißig bedeutende Pflanzengesellschaften innerhalb des Kreisgebietes und betreut darüber hinaus ganze Flächen mit sehr vielfältigen und teilweise besonders seltenen Beständen. Alleine auf einer vereinseigenen Fläche von nur zwei Hektar in Bösensell wachsen nicht weniger als 136 Arten, davon alleine sieben gefährdete "Rote Liste"-Arten! Darunter auch das "Gefleckte Knabenkraut" - eine seltene Orchidee. Einen Aufsatz darüber finden Sie in unserer Jubiläumsausgabe. Die Dülmener Gruppe pflegt gar eine Fläche, die der letzte Standort einer bestimmten Seggenart in NRW ist!

 

Diese Beispiele ließen sich noch lange fortsetzen. Den Fledermausschützern sind mittlerweile 47 Sommerquartiere bekannt mit Maximalzahlen von 320 - 410 Tieren. Sechs Winterquartiere werden z.Z. regelmäßig betreut mit ca. 2000 - 3000 Tieren. Unschlagbar ist die Truppe um Hans Haufe in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. Die letzten Exkursionen wurden immer von 70 - 110 Teilnehmern besucht. Das beweist aber auch, dass die Menschen kommen, wenn man ihnen die spannende und geheimnisvolle Natur hautnah präsentiert.

 

Die Projektgruppe Amphibien betreut im nördlichen Kreis Coesfeld nicht weniger als 152 Laichgewässer. Seit Bestehen des Vereins wurden 34 Gewässerneuanlagen realisiert. Für 13 kleinere aber auch größere Flächen bis zu 10 Hektar übernimmt diese Gruppe die Betreuung. Mit dem landes-weit vom Aussterben bedrohten Laubfrosch erzielte diese Gruppe die größten Erfolge. Zu Beginn der 80er Jahre brachen die letzten guten Be-stände dieses Kletterfrosches auch im Kreis Coesfeld ein. 1987 war der Tiefpunkt erreicht. An nur noch 12 Laichgewässern riefen insgesamt 110 Männchen, um laichbereite Weibchen anzulocken. Durch gezielte Gegenmaßnahmen, wie dem Anlegen neuer Laichgewässer, dem Entfernen von Fischen, Pflanzung neuer Hecken und der Pflege alter Hecken wuchs der Bestand bis 1998 auf über 900 Männchen an 43 Laichgewässern. Von diesen Maßnahmen profitieren auch alle anderen Arten, die den Lebensraum mit dem Laubfrosch teilen, wie Neuntöter, Wasserfledermaus, andere Amphibienarten oder Libellen. Das ist heute der gängige Weg, Naturschutz zu betreiben, indem man eine solche sympathieträchtige Art, wie den Laubfrosch, aussucht und damit ganze Lebensgemeinschaften schützt. Die Nordrheinwestfalen-Stiftung belohnte unsere Arbeit bisher mit dem Ankauf von 20 ha. Unsere Arbeit war die Grundlage für das landesweite Projekt "Ein König sucht sein Reich", betreut von der NABU-Station Münsterland. Auch die landesweit und wahrscheinlich auch bundesweit erfolgreichste Wiederansiedlung des Laubfrosches führten wir in der Dingdener Heide durch.

 

Ich könnte ihnen noch viel erzählen über die § 29-Stellungnahmen, über unser NSG-Rieselfelder Nottuln-Appelhülsen, über Quellenschutz, über die Aktion "Offene Gärten" und vieles mehr, dann sprenge ich aber endgültig diesen Rahmen. Allein die Aktion "Offene Gärten" hat in diesem Jahr hat 2-3.000 Besucher angezogen. An Hand der exemplarisch vorgestellten Projektgruppen wollte ich Ihnen die Bedeutung unserer Arbeit näher bringen.

 

Zur Zeit gehören ca. 29 Hektar dem NABU oder stehen direkt unter seiner Verwaltung, ca. 1070 weitere Hektar werden fachlich betreut. Mit 341 Mitgliedern haben wir auf Kreisebene einen neuen Höchststand erreicht. Leider drückt sich das nicht in der Zahl der aktiven Mitglieder aus.

Danken möchte ich an dieser Stelle allen, die zu dieser aus unserer Sicht erfolgreichen Arbeit beigetragen haben. Besonderer Dank gilt den Land-wirten, die mit uns teilweise schon seit vielen Jahren kooperieren. Effektiver, langfristiger Naturschutz ist nur mit den Landeigentümern möglich und niemals gegen sie. Hier müssen wir für die Zukunft gegenseitig Vorurteile weiter abbauen und Vertrauen vertiefen.

 

Danken möchte ich an dieser Stelle auch den Verwaltungen des Kreises, der Städte und Gemeinden für die konstruktive Zusammenarbeit in den letzten zwei Jahrzehnten.

 

Nicht jeder unserer Träume ging in Erfüllung, wie z. B. eine Biologische Station. 1993 scheiterten wir am Votum des Kreistages, obwohl eine Finanzierung von Seiten des Landes bereits sichergestellt war. Mit der Zeit ändern sich oft die Rahmenbedingungen und damit auch die Grundeinstellungen. Jetzt wird auch der Traum einer kreiseigenen Station in modifizierter Form unter dem Dach der Naturfördergesellschaft doch wahr, getreu dem Sprichwort "Gut Ding will Weile haben". Nach gemeinsamem zähen Ringen ist nun der Durchbruch gelungen. Großen Anteil daran hat unser stellvertretender Landrat und Vorsitzender der NFG Ludger Streyl. Er musste in vielen Gesprächen seine Berufskollegen von der dringenden Notwendigkeit einer Naturförderstation überzeugen, und das hat er auch geschafft. Dafür herzlichen Dank, Herr Streyl .

 

Bevor ich jetzt Ihnen das Wort übergebe, wünsche ich allen im Saal eine gute Unterhaltung und viel Vergnügen. Nach dem Festvortrag sind sie herzlich eingeladen, mit uns den Abend bei einem frisch gezapften Bier ausklingen zu lassen.

 

Nun habe ich das besondere Vergnügen, meinen ehemaligen Klassenlehrer Herrn Werner Lensing anzukündigen. Er unterrichtete mich 1974/75 in Latein und Geschichte. Zu den wirklichen Leistungsträgern habe ich damals aber wohl eher nicht gezählt. Herr Lensing ist als Bundestagsabgeordneter für uns in einer ganz wichtigen Sache aktiv geworden. Noch unter der alten Regierung wurden in den ostdeutschen Nationalparken große staatliche Flächen privatisiert. Herr Lensing intervenierte daraufhin erfolgreich. Herr Lensing, das Wort geht an sie.

 

Nun kommen wir zum Höhepunkt des heutigen Abends, dem Festvortrag von Herrn Prof. Dr. Schulte. Er war viele Jahre lang Abteilungsleiter der Abteilung III in der Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten (LÖBF). Vor einigen Jahren ist er dann dem Ruf der Universität Münster gefolgt, denn der Lehrstuhl für Landschaftsökologie war vakant. Er ist ein profunder Kenner des Natur- und Artenschutzes und wird uns heute darüber berichten, warum der Kreis Coesfeld ein Kulturlandschaftsprogramm braucht. Das Kulturlandschaftsprogramm ist ein wichtiges Element des Vertragsnaturschutzes und wurde für den Kreis Coesfeld von dem NABU Mitglied Dr. Martin Vest, seiner Zeit Mitarbeiter der ULB, ausgearbeitet. Elmar Meier